Der Triumph des Pausenplatzes über die taktische Wissenschaft
Roger Rönnberg gilt als Architekt des Spiels. Ein Mann, der Linien zieht, wo andere nur rutschiges Eis sehen. Ein Taktiker, der das Chaos bändigt wie ein Dirigent das Orchester.
Und doch: Am Sonntagabend wird seine Ordnung hinweggefegt wie Kreidestriche im Regen. Ein schwedischer System-General und Schablonist, der in einem Playoff-Final ein 3:0 vergeigt. Das ist, wie wenn Lewis Hamilton seinen Boliden auf einer breiten, übersichtlichen Zielgerade in die Leitplanken steuern würde.
Der HC Davos spielt nicht gegen das System. Er spielt darüber hinweg. Darüber hinaus. Dorthin, wo das Spiel wieder zum Kind wird. Wie sagte doch unser aller Friedrich Nietzsche, der seine beste Zeit und den klarsten Kopf bei seinen Aufenthalten im Bündnerland hatte?
Der Spruch bringt auf den Punkt, dass selbst erwachsene, raue Kerle einen spielerischen, kindlichen Kern in sich tragen. Die Wahrheit dieses unberechenbaren Spiels auf einer tückischen Unterlage ist nicht Strategie. Nicht Struktur. Sondern Instinkt. So wie eben auf dem Pausenplatz gespielt wird. «Öbbe eis chneble.»
Was für ein banales Ende eines Dramas: Nathan Marchon befördert die Scheibe zum Auftakt der Verlängerung übers Plexiglas. Zwei Minuten. Und Adam Tambellini trifft bereits 62:26 Minuten zum 5:4. Ein Stich ins Herz der Ordnung. Ein Triumph des Augenblicks über die Planung. Die Davoser gewinnen ein Spektakel, das sich der Kontrolle entzieht wie ein Würfelspiel. Das zeigt eine nüchterne Statistik. Insgesamt 72 Torschüsse. So viele wie noch nie in diesem Final. Mehr als 68 waren es zuvor nie – und das war im dritten Spiel. Es dauerte nicht 60, sondern 88:47 Minuten.
Noch am Freitag war alles anders. Diszipliniert. Präzise. Kalt wie ein Uhrwerk. Ein 1:0 in Fribourg – ein HCD-Sieg der Struktur über das Risiko. Ein Manifest der Ordnung und Roger Rönnbergs Gottéron hatte zu wenig Pausenplatz, um auch nur ein Tor herauszuspielen. Und nun? Alles aufgelöst. Das System zerfliesst. Was am Sonntag bleibt, ist Bewegung. Risiko. Fehler. Genialität. «Pausenplatz-Hockey».
Wie kann es sein, dass nun im 5. Finalspiel zum ersten Mal zeitweise alles aus den Fugen geraten ist? Vielleicht ist es eine Prise Müdigkeit. Das fünfte Spiel in zwölf Tagen. Ein Nachlassen der Konzentration ist logisch. Und wohl auch ein gewisser Leichtsinn nach der 3:0-Führung bei Gottéron, die umgekehrt eine wilde Entschlossenheit und einen Sturmlauf bei den Davosern provoziert. Vielleicht ist es einfach das Gesetz des Spiels: Dass Ordnung nur eine Phase ist. Und Chaos die Konstante.
Was für eine bittere Niederlage für Roger Rönnberg, den Mann, der mit Taktik und Wissenschaft den Zufall zu zähmen scheint. Der von seinem vorherigen Arbeitgeber Frölunda den Analysten Erik Lignell mit nach Fribourg gebracht hat. Die Bewunderer Roger Rönnbergs und seines Analysten raunen, es sei wahnsinnig, was die alles über ihre und die gegnerischen Spieler wissen. Wer mit wem wie funktioniere. Wo die Schwächen, wo die Stärken liegen. High Tech. Computer. Künstliche Intelligenz. Das sei die Zukunft des Hockeys. Womöglich liegt die Zukunft des Hockeys aber immer noch auf dem Pausenplatz.
Und es ist halt, wie es ist: Je wilder und unberechenbarer das Spiel, desto wichtiger die Rolle des Torhüters, die in diesem 5. Final so viele Schüsse zu parieren hatten wie noch nie (40:32 Torschüsse). Und so wird HCD-Goalie Sandro Aeschlimann zur Figur dieses Dramas. Nicht als unfehlbarer Held. Sondern als menschlicher. Einer, der fällt und wieder aufsteht. Er ermöglicht seinen Vordermännern den Sieg, indem er sie mit mehreren Glanzparaden in der Schlussphase der regulären Spielzeit in die Verlängerung rettet.
Nachdem er mit dem haltbarsten Treffer dieser ganzen Finalserie Gottéron wieder zurück ins Spiel gebracht hatte: Gottéron hat eine 3:0-Führung preisgegeben, ist 3:4 in Rückstand geraten und zutiefst verunsichert. In der bisher kritischsten Phase des Spiels lässt Sandro Aeschlimann kurz vor der zweiten Pause (nach 36:31 Minuten) den von Lucas Wallmark auf die Reise geschickten Puck zwischen den Schonern zum 4:4 durchrutschen. Haltbarer geht nicht. Wie auf dem Pausenplatz.
Dieses Missgeschick wegzustecken und von nun an jede Scheibe abzuwehren: Das ist ganz einfach grandios. Helden entstehen nicht im Perfekten. Sie entstehen im Fehler. In der Reaktion. In der Weigerung, sich vom eigenen Versagen definieren zu lassen. Sandro Aeschlimann steht nach seinem Fehler wieder auf.
In der Verlängerung entscheidet erst recht nicht mehr die Taktik. Nicht mehr die Struktur. Sondern der Zufall. Nathan Marchon befördert die Scheibe aus dem Spielfeld. Zwei Minuten. Powerplay für den HCD und Adam Tambellini trifft zum 5:4 (63. Minute). Diese Zufälligkeit, diese Banalität entscheidet die bisher spektakulärste Finalpartie.
Eine Entscheidung fast wie auf dem Pausenplatz.
P.S. Der HC Davos kann mit einem Sieg am Dienstag in Fribourg Meister werden. Gottéron braucht noch zwei Siege zum ersten Titel: Einen am Dienstag auf eigenem Eis und einen am Donnerstag in Davos. Die Prognose? Es gibt keine seriöse Prognose in einem Spiel, das am Freitag mit einem 1:0 und am Sonntag mit einem 5:4 endet. Was für den HCD spricht: Die Mannschaft von Josh Holden kann beides: Taktik (1:0 am Freitag) und Pausenplatz (5.4 an Sonntag). Roger Rönnbergs Gottéron kann Taktik, aber (noch) nicht Pausenplatz.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
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